Aufbruch - Freiheit - Menschsein

Frustriert, konsterniert, wütend und traurig nahm ich gestern Kenntnis von den neuerlichen Einschränkungen in meinem beruflichen und privaten Wirken. Beim Schlafengehen nahm ich den Wunsch mit, doch bitte den Sinn des Ganzen erkennen zu dürfen. Und siehe da: nachts um 3 Uhr wache ich plötzlich auf und bin klar!

Wieviele Statistiken über Neuinfektionen, Hospitalisierungen und Sterblichkeitsraten, wieviele Dokumentationen über den Sinn und Unsinn von CPR-Test und wieviele Meinungen über die Un-/Wirksamkeit von Desinfektionsmitteln, Gesichtsmasken und Plexiglasscheiben habe ich mir angeschaut - und jetzt realisiere ich, dass all das Gerede sinnlos ist.

Was in unserer Welt gerade geschieht, ist ganz einfach ein Abbild unserer kollektiven Denkweisen und Verhaltensmuster. Wollen wir wirklich gegen das Bild auf der Leinwand (der Welt) kämpfen, solange der Projektor (unsere Denkweisen und Verhaltensmuster) noch das alte Programm projiziert? Bei mir kommt als Antwort auf diese Frage ein klares Nein. Doch was ist die Alternative?

Im August dieses Jahres durfte ich an einer Schule vor gut 100 Lehrpersonen ein Referat zum Thema Selbstwert und Lernantrieb halten. Ich verwendete für die Präsentation ein Foto aus meiner frühen Kindheit, welches für mich vor allem drei Eigenschaften ausdrückt: Neugier, Lust & Lebensfreude.

Also hole ich nun diese Foto erneut hervor und schaue diesen kleinen, kecken Kerl an, den ich mal war. sofort spüre ich Wehmut, ein Gefühl von Freude und Traurigkeit zugleich. Was ist aus dieser Neugier, Lust und Lebensfreude geworden, die ich mal verkörpert habe? Was ist aus dem Menschschen geworden, der mit einem Augenblick die Welt erobern konnte?

Nun ja, die Antwort ist unspektakulär und möglicherweise findet sich auch der Leser darin wider: Erziehung, Schule, Klavierunterricht, Sport und Berufsausbildung usw. Kurzum: der ganz “normale” Lebensweg.

Um zu verstehen, was diese Erkenntnis mit den neuerlich verfügten Einschränkungen des öffentlichen Lebens (man nehme sich etwas Zeit um diesen Worten nachzuspüren…) zu tun hat, braucht es einige Ausführungen.

Also: In unserer Natur sind wir Menschen so, wie wir geboren werden: selbstmotiviert und selbstbestimmt. Nie wieder lernen wir so schnell und leicht wie in den ersten Lebensjahren. Warum eigentlich?

Der wesentliche Grund liegt darin, dass wir als Kind die Erfahrung machten, uns in unserem natürlichen Lernverhalten der Neugier, Lust und Lebensfreude falsch zu fühlen. Wir wurden gescholten, wenn wir unseren Körper oder Wände bemalt, laut gestampft, getanzt und geschrien, mit dem Essen gespielt haben oder uns in der Pfütze nass und schmutzig machten.

Wir empfanden Scham für unser natürliches Lernverhalten und begannen unmerklich, unsere unbezahlbare Kostbarkeit mehr und mehr preiszugeben und sie durch ein Prinzip des Anpassens an Erwartungen des Umfelds (Eltern, Schule, Gesellschaft) zu ersetzen. Der kleine Lukas hat also seine Gaben der Freude, Lust und Lebensfreude ersetzt durch Zwang, Gehorsam und Fleiss.

Mit dieser Veränderung des Lernverhaltens geht auch eine Entstehung von Abhängigkeit einher: die Abhängigkeit von Lob, Anerkennung und Belohnung. Es ist diese Abhängigkeit, die schlussendlich dazu führt, dass wir die Verantwortung für unser Lernen, unser Glücklichsein und unsere Lebensfreude unbewusst abgeben. Wir werden mehr und mehr zu fremdbestimmten Wesen. Dieses Verhalten ist so tief in unserem persönlichen und kollektiven Gedächtnis verankert, dass es in der Welt zwangsläufig zu entsprechenden Erfahrungen kommen muss.

(Pause zum Innehalten, Nachspüren und Reflektieren)

Der erfolgreiche Weg zu einem selbstbestimmten Leben (mit massvollen Anpassungen an die Mitwelt) führt also kaum über Proteste, Kundgebungen oder Gesetzesbruch, sondern wohl eher über eine Auseinandersetzung mit unseren persönlichen und kollektiven Prägungen. Sowie Prägungen lernbar sind, so sind sie auch veränderbar.

Wovor fürchte ich mich denn, dass ich so beeinflussbar und steuerbar bin? Wie kann ich mich von dieser Angst befreien?

Menschsein bedeutet so viel mehr als das Befolgen von Anweisungen, als das Erfüllen von Erwartungen, als das Streben nach Statussymbolen, Lob und Anerkennung und ein permanentes Leben in Angst und Anspannung. Es bedeutet auch: inspiriert sein, der Inspiration folgen, der Kreativität freien Lauf lassen. Emotionell und energetisch unabhängig sein von äusseren Umständen. Etwas tun, was das Herz berührt und die Seele nährt. Denn das ist es, wonach wir uns in unserem Innersten so sehr sehnen.

In diesem Sinne:

  • Es lebe der Aufbruch!

  • Es lebe die Freiheit!

  • Es lebe das Menschsein!

Besinnliche Festtage!

Lukas Mürner

Lukas Mürner